Das Amt des Wenzelsorganisten

Das Amt des Wenzelsorganisten

Das Amt des Wenzelsorganisten bzw. der Wenzelsorganistin gehört zu den traditionsreichsten kirchenmusikalischen Ämtern innerhalb der protestantischen Kirchenmusik. Der Wenzelsorganist ist Leiter der Kirchenmusik und Hauptorganist an der Stadtkirche St. Wenzel und trägt die Verantwortung für die Bewahrung, die Pflege und die vielfältige künstlerische Praxis an der weltberühmten Hildebrandt-Orgel aus dem Jahr 1746. Dem Umstand, dass der Hildebrandt-Orgel als einzig authentisch erhaltener großer Orgel, die Johann Sebastian maßgeblich mitkonzipiert und abgenommen hat, eine besondere Bedeutung für die internationale Bachpflege und Bachinterpretation zukommt, trägt das Amt des Wenzelsorganisten auf besondere Weise Rechnung.

Der Wenzelsorganist ist künstlerischer Leiter von vier Konzertreihen, die von der Stadt Naumburg bzw. der Wenzelsmusik veranstaltet werden: dem Internationalen Orgelsommer, dem alle zwei Jahre veranstalteten Musikfestival Hildebrandt-Tage, den mehrmals wöchentlich stattfindenden Mittagskonzerten, den Abendkonzerten zu besonderen Festtagen sowie der Reihe „Junge Talente“, die sich auf besonderer Weise der Nachwuchsförderung verschreibt.

Neben dem Amt des Dresdner Kreuzorganisten, des Leipziger Thomaskirchenorganisten, des Lübecker Marienorganisten, des Frauenkirchenorganisten und des Marktkirchenorganisten in Hannover gehört es zu den wenigen herausgehobenen Stellen in der evangelischen Kirche, die sich ausschließlich auf das konzertante und liturgische Orgelspiel beschränken.

Die Geschichte des Amtes

Seit Beginn der Reformation war die Naumburger Stadtkirche St. Wenzel eine bedeutende Stätte der Musikpflege. Für das Jahr 1540 ist eine erste Nachricht über den Bau einer Orgel dokumentiert; ungefähr seit diesem Zeitraum ist die Anstellung eines Organisten anzunehmen. Die Musik in St. Wenzel war weitgehend dem Rat der Stadt unterstellt, so dass Kirchenmusik und städtische Musikpflege mehr oder weniger zusammenfielen.

Dass die Organistenstelle bereits vor dem Bau der Hildebrandt-Orgel von großer Attraktivität war, beweisen u.a. die Bewerbungen von Carl Philipp Emanuel Bach und Johann Ludwig Krebs aus dem Jahr 1733, die allerdings erfolglos blieben.

Seit dem Jahr 1746 wirken die Wenzelsorganisten an der Hildebrandt-Orgel, deren Ruf bereits kurz nach ihrer Einweihung so ausgezeichnet war, dass Johann Sebastian Bach seinen Schwiegersohn und Schüler, Johann Christian Altnickol, im Jahr 1748 als Organisten empfahl.1

Chronologie der Amtsinhaber*innen

Es ist Gegenstand der aktuellen Forschung, die noch nicht dokumentierten Zeiträume zu schließen.

1616 – ?

Christian Engel

1632 – 1654

Augustin Vocke

1654 – 1694

Johann Leo

1694 – 1715

Johann Magnus Knüpfer

1715 – 1733

Benedict Friedrich Theile

1733 – 1748

Christian Kluge

1748 – 1759

Johann Christoph Altnikol

1759 – 1794

Johann Friedrich Gräbner

(...)

1971 – 2008

Irene Greulich

2008 – 2018

(ging als Professor für Orgel an die Musikhochschule Freiburg)

2018 – 2020

vakant

(vertreten durch Hans Christian Martin als „amtierender Wenzelsorganist“)

seit 2020

Nicolas Berndt

Chronologie der Assistenzorganist*innen

Für die Fülle der Aufgaben steht dem Wenzelsorganisten bzw. der Wenzelsorganistin ein turnusmäßig alle zwei Jahre wechselnder Assistenzorganist bzw. eine Assistenzorganistin zur Seite. Die Stelle des Assistenzorganisten soll vor allem jungen Organistinnen und Organisten zur Praxiserfahrung in einem großen kirchenmusikalischen Umfeld dienen. Einige der ehemaligen Assistenzorganist*innen sind inzwischen selbst Inhaber großer kirchenmusikalischer Stellen.

2013 – 2015

Espen Melbø

(seit 2018 Domorganist an der Kathedrale Tønsberg/Norwegen)

2015 – 2017

Florian Zschucke

(seit 2018 Regionskantor im Kirchenkreis Dessau)

2018 – 2020

Julia Raasch

2020 – 2022

Karl Joseph Eckel

1Greulich, Irene: „Die Hildebrandt-Orgel in der St. Wenzelskirche zu Naumburg“, in: Stadt Naumburg et al. (Hg.), Alfred Reichling (Red.), Die Hildebrandt-Orgel zu Naumburg, St. Wenzel – Festschrift anlässlich der Wiedereinweihung nach vollendeter Restaurierung am 3. Dezember 2000.